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04/05/2015 / Clemens Rüttenauer

Warum Behinderte nerven

(Wo bleibt Bentele)

Der Artikel in jetzt.de

Ds Online-Magazin jetzt.de der Süddeutschen Zeitung veröffentlichte am 23.09.2014 einen Artikel mit der Überschrift „Warum Behinderte nerven“. Hat der Verfasser mit seinen provozierenden Behauptungen recht? Die Hauptvorwürfe sind: Zersplitterung der Organisationen, Larmoyanz der Betroffenen und exzessive Selbstbeschäftigung. Auf diesen Artikel komme ich später zurück – zuvor einige „Seitensprünge“.

Verena Bentele

Seit der letzten Regierungsbildung ist es einer breiteren Öffentlichkeit bewusst, dass es in Deutschland eine Behintertenbeauftragte der Bundesregierung gibt. Grund dafür ist die Bekanntheit der neuen Amtsinhaberin Verena Bentele als einer erfolgreichen, blinden Leistungssportlerin.

Der SWR brachte am 21.01.2015 ein hörenswertes, knapp halbstündiges Gespräch mit Verena Bentele – hier nachzuhören.

Bereut habe sie ihren Gang in die Politik bisher nicht, es sei jedoch frustrierend, dass alles so langsam voran gehe. Auf die Frage des Redakteurs Mathias Zahn „Vertreten Sie eigentlich die Behinderten gegenüber der Bundesregierung oder vertreten Sie die Politik gegenüber den Behinderten?“ antwortet sie klug: Beides. Sie will die Interessen der Behinderten vertreten, sieht aber auch, dass sie umgekehrt den Behinderten die Ergebnisse der Politik erklären muss. Ob dieser Spagat gutgehen kann?

Sie meint, beim Sport war die Situation klarer. Dort stand der Gewinner am Ende immer fest. In der Politik seien die Ergebnisse weniger eindeutig. Sie erwähnt kurz eine Kontroverse mit dem Justizministerium. Ob sie inzwischen gemerkt hat, dass ihr Haupt-Widerpart im Finanzministerium zu finden ist?

Ihre eigene Einstellung zu Behinderung kennzeichnet diese Feststellung: „Ich leide nicht am Blindsein, ich bin blind.“

Ein besonderes Anliegen ist ihr die Abschaffung der Einkommen- und Vermögensgrenze bei Menschen, die Assistenzleistungen beanspruchen. Sie verspricht zwar kein konkretes Ergebnis, wohl aber, dass sie sich mit ganzer Kraft dafür einsetzen werde.

Verena Bentele nervt nicht. Sie weiß, dass für ihre neue Aufgabe Verhandlungsgeschick und Geduld notwendig sind … Frust nicht ausgeschlossen.

Was mich jedoch nervt, sind Journalisten, die Verena Bentele immer wieder und wieder mit ihrer Blindheit und ihren sportlichen Erfolgen vorstellen müssen. Sie gehen damit einer berechnenden Politik auf den Leim. Politik ist Personalpolitik. Ich werde den Verdacht nicht los, dass Benteles Berufung eine Art Beruhigungspille für die Behinderten sein sollte – nach dem Motto „was wollt Ihr denn noch, es sitzt doch jetzt eine von Euch an den Schalthebeln der Politik“. Man merkt die Absicht und man ist verstimmt.

Renate, Othello und die Butterbrezn

Renate geht mit ihrem Führhund Othello, einem nicht zu übersehenden pechschwarzen Riesenschnauzer, zum Kiosk im U-Bahn-Zwischengeschoß und verlangt eine Butterbrezn. Hinter der Theke zwei Stimmen – die eine „wir haben keine Butterbrezn mehr“ die andere „dann mach halt eine“ – „warum ich?“ „du machst jetzt eine Butterbrezn – basta!“. Unwilliges Gemurmel hinter der Theke. Dann bekommt Renate eine Tüte gereicht und zahlt. Erwartungsfroh greift sie in die Tüte. Doch was ist das! Darin eine nackte Brezn und ein Stück Butter! Renate protestiert laut „was soll ich denn damit anfangen?“ Hinter der Theke löst das einen heftigen Wortwechsel aus, aber schließlich bekommt Renate doch noch ihre fertig geschmierte Brezn.

Renate erzählt mir die Geschichte und schließt mit der Frage „was die sich wohl gedacht hat? Wie soll ich mir denn im Bahnhof eine Brezn schmieren – ohne jedes Werkzeug?“ Daraufhin ich: „und noch dazu blind!“ Sie: „das lasse ich nicht gelten.“ Batsch! Auf die Zunge hätte ich mir beißen können! So gut musste ich sie doch kennen! Ganz trocken und unaufgeregt „das lasse ich nicht gelten“.

Renate nervt nicht. Aber die Heerscharen gedankenloser Mitmenschen – die nerven!

Aktuelle Baustellen

  • Die UN-Behindertenrechtskonvetion
    Die UN-Behindertenrechtskonvetion wurde 2006 verabschiedet und in Deutschland 2009 ratifiziert. Es geht dabei um den Schutz der Rechte von Menschen mit Behinderung. Von einem Recht des Finanzministers auf einen ausgeglichenen Haushalt ist darin nicht die Rede. Trotzdem ordnet die Bundesrepublik Deutschland diesem Ziel alles Andere unter. Mit der Umsetzung in Deutschland hapert es nach wie vor.
    Dem ersten Entwurf eines Bundesteilhabegesetzes fehlt die finanzielle Basis.
    „Das Bundesteilhabegesetz soll offensichtlich zum behindertenpolitischen Feigenblatt der Regierung schrumpfen“, stellt Renate Reymann, die Präsidentin des Deutschen Blinden-und Sehbehindertenverbandes, ernüchtert fest. Weiter sagt sie: „Ohne finanziellen Spielraum wird dieses Gesetz maximal eine Schmalspur-Teilhabe ermöglichen und wichtige Vorhaben wie eine faire bundeseinheitliche Blindengeldlösung bleiben auf der Strecke.“
  • Die Versorgungsmedizinverordnung
    Auf Bundesebene wird derzeit die Versorgungsmedizinverordnung überarbeitet. Im Referentenentwurf fehlt aus derzeit unerklärlichen Gründen die Definition hochgradige Sehbehinderung. Diese Begriffsdefinition ist die Basis für Nachteilsausgleiche wie die Zuerkennung von Merkzeichen im Schwerbehindertenausweis und die Gewährung von Kostenübernahme für benötigte Hilfsmittel (Quelle: BBSB-Inform).
    Was steckt dahinter? Absicht oder Gedankenlosigkeit? Auch letzteres wäre schon schlimm genug.
  • Lautlose Fahrzeuge im Straßenverkehr
    Lautlose Fahrzeuge stellen für Fußgänger eine Gefahr dar – für alle, besonders aber für Menschen, die sich mehr akustisch als optisch orientieren. Die Hersteller wissen das, deshalb wurde ein akustisches Fahrzeugwarnsystem – Acoustic Vehicle Alerting System (AVAS) – entwickelt. Das europäische Parlament hat am 03.04.2014 in zweiter Lesung die Verordnung über den Geräuschpegel von Kraftfahrzeugen angenommen. Die Verordnung trat am 16.06.2014 in Kraft und gilt ab dem 01.07.2016. Allen EU-Mitgliedsstaaten wird eine Übergangsfrist von 5 Jahren gewährt.
    Die wichtigsten Bestimmungen: Ab 2019 müssen alle neuen Hybrid- und Elektrofahrzeuge mit AVAS ausgestattet sein. Der Fahrer hat die Möglichkeit, das AVAS manuell abzuschalten (!).
    Warum erst ab 2019? Warum abschaltbar? Damit werden Unfälle mit Fußgängern sanktioniert. Eine erste Studie erwartet eine Erhöhung des Unfallrisikos um 40 %. Wen muss Politik schützen? Die Weltkonzerne vor den Menschen, oder die Menschen vor den Weltkonzernen?
    Interessierte können sich noch an der Online Petition beteiligen, die Nachbesserungen erreichen will.

Und wo bleibt Bentele? Ja! Wo bleibt Bentele? Jetzt wird`s ernst. Wen vertritt Bentele? Wie will sie das alles den Behinderten erklären?

Schlussfolgerung

Der eingangs erwähnte Artikel ist inzwischen – ganz untypisch – aus dem Netz verschwunden. Ob aus Scham, wegen zu heftigen Widerspruchs oder gar aus juristischen Gründen, weiß ich nicht, finde es aber bedauerlich. Provokative Aussagen – ja sogar polemische – müssen erlaubt sein. Klar, dass das Widerspruch hervorruft. Den muss man dann schon aushalten können.

Mit dem Artikel sind auch die direkt daran hängenden Kommentare verschwunden. Nur diejenigen Kommentare. die in eigenen Blogs veröffentlicht wurden, sind weiterhin im Netz zu finden – z.B. bei Sabrina Stolzenberg.

Eigentlich ist schon genug gesagt, aber das Thema Larmoyanz möchte ich nochmal aufgreifen. Larmoyanz steht für allzu große Empfindsamkeit, Tränenseligkeit und (abwertend) Empfindelei. Das sind zwar Gefühlslagen, in die ein Mensch nun mal geraten kann, und Behinderte sind auch nur Menschen, aber ich kann weder bei mir selbst noch bei meiner Umgebung – bei der realen ebenso wenig wie bei der virtuellen – irgendeine Art von Tränenseligkeit oder von etwas Ähnlichem feststellen. Die beiden Zitate „ich leide nicht am Blindsein, ich bin blind“ und „das lasse ich nicht gelten“ sind Beispiele einer ganz anderen Haltung. Sie sind Ausdruck von Souveränität und eigener Stärke.

Wenn ich mir andererseits die aktuellen Baustellen ansehe, gibt es nur eine einzige richtige Schlussfolgerung: Behinderte nerven viel zu wenig!

* * *

Fußnote

Die Formulierung „wo bleibt Bentele?“ ist der legendären Langlaufreportage von Bruno Morawetz nachempfunden, in der er den Kampf an der Spitze schildert und zwischendrin immer wieder ruft „wo bleibt Behle? wo bleibt Behle?“ – hoffend, Behle könnte noch in die Entscheidung eingreifen.

© CR

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