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Othello

Vroni ist immer öfter unpässlich. Das beobachtet auch ihre Ausbilderin, mit der wir im ständigen Kontakt sind. Immer wenn ernsthafte Gesundheitsprobleme bei meinem Mädchen auftauchen, bringt mich Rosa mit meinem Hund zu ihrem Spezialisten. Solch einen Kontakt halten Führhundschulen nur selten zu ihren Führhundhaltern. Sie  kann daher frühzeitig erkennen, dass ich bald einen neuen Begleiter brauchen würde. Sie sieht mir an wie bekümmert ich bin.

„Vroni nehme ich wie verabredet  zu mir. Du kommst ja jede Woche in die Hundeschule und kannst sie dann immer wieder sehen und weißt dass es ihr an nichts fehlt!“

„Wenn es schon sein muss, Du weit ja, was ich gern möchte…“

Na, und wie es meist so ist, weit und breit kein geeigneter Schäferhund.

Ich bin beunruhigt und Rosa schlägt vor:

„Ich hab einen ganz tollen Riesenschnauzer gefunden. Du kannst ihn Dir anschauen und ihn kennenlernen. Wenn er Dir gefällt und Du glaubst, er ist der Richtige, bilde ich ihn für Dich aus!“

Seit dem 21.11.2011 wohnt er bei mir. An diesem Tag fängt  unser Einweisungslehrgang an. Eigentlich sollte er erst Ende Februar 2012 seinen Job antreten. Vroni hatte schon länger Probleme mit ihrer Wirbelsäule und Arthrosen in den Schulter- und Hüftgelenken. Zuletzt bekam sie auch noch einen Hauttumor, der Operiert werden musste. Es war zwar glücklicher Weise kein kritischer Befund, aber für einige Wochen wird sie kein Führgeschirr tragen können. Wir sehen uns noch ein paar Mal, sie scheint so weit zufrieden. Trotzdem wird sie immer weniger aktiv. Und eines Tages kann sie , trotz Rampe, nicht in Rosas Auto einsteigen. Sofort zum Tierarzt. Der schüttelt den Kopf:

„Kaum eine Chance. Akute Herzschwäche. Ich könnte es noch stützen, es dazu noch mit einer Infusion versuchen, wie lange das anhält weiß ich allerdings nicht zu sagen!“ Er sieht Rosa an, und sie versteht.

„Nein, keine sinnlosen Quälereien. Das möchte Ihr Frauchen nicht  und ich auch nich!!“  Also muss Othello eher ran.

Othello und ich kennen uns schon seit einigen Monaten. Wir machen schließlich 1 Mal die Woche 1 oder 2 Unterordnungskurse bei Rosa und trefffen uns auf der Spielstunde. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass er es packen wird. Ein außerordentlich selbstbewusster, freundlicher geradezu charmanter, , schlaksiger, temperamentvoller Junge. Der Charme in Person, aber  ebenso Dickköpfig und offensichtlich davon überzeugt, dass er jeden um den Finger oder besser gesagt, um die Pfote wickeln kann. Wenn ich seine Reaktionen richtig interpretiere, sagt er:

„Was ich mache ist immer richtig. Das solltest Du inzwischen erkannt haben. Wenn nicht, siehst Du das falsch!“

Ausschlafen? Das war mal. Hat er eine Uhr? Pünktlich 06:30…

Es beginnt mit einem Schmatzen, einem Gähnen, dann ein seufzendes Fiepen und schließlich prustet er mir ins Gesicht. Mein Griff nach dem Wecker.

„Nein, noch nicht so früh. Posto!“ Ich ziehe die Decke über den Kopf. 20 Sekunden später schiebt sich ein feuchtes Struwwelknäul unter meine decke, bläst mir in die Achselbeuge. Umdrehen, in die decke wickeln. Das Ergebnis? Tapp, auf meiner Matratze. Ich rühre mich nicht. Noch ein Tapp, die Matratze senkt sich leicht nach einer Seite, Meine decke bewegt sich, hebt sich kurz  und er steht vor meinem bett, beide Vorderpfoten auf die Matratze gestemmt, die Decke überm Kopf, ein Niesen, prusten. Er wird raus müssen, denke ich und schlüpfe in die Pantoffeln und  in den Morgenmantel, öffne die Terrassentür. . Nachdem er seine Blase erleichtert hat, rollt er sich in seinem Korb zusammen und schläft weiter. Kann ich mich vielleicht auch wieder hinlegen—? Im Schlafzimmer angekommen, steht mein Monster schon wieder neben mir. Seufzend sage ich mir:

„Vergiss es, mach dir lieber einen Kaffee!“ Und so ist das bis heute geblieben.

Man kann es ja mal versuchen

Mein Lausbub ist verschwunden. Kann doch nicht sein… Die Terrassentür ist zu und die Wohnungstür war auch noch nicht offen. Mein Rufen vergeblich. Was habe ich gerade vorhin gemacht? — Ach ja, Mein Bett in Ordnung gebracht. Schlafzimmertür auf, und, da liegt er. Quer übers ganze bett gebreitet, als sagte er:

„Jetzt liege ich hier. Ich war der erste!“ Mir bleibt die Spucke weg.

„So weit kommt’s noch. Raus hier, das ist mein bett, verstanden?“ Es scheint angekommen zu sein. Er trollt sich in seinen Korb.

am nächsten Tag.  Ich will mich auf die Couch setzen, da eine Pfote. Mein Lausbub steht, wie ein Denkmal auf ihr.

„Runter hier!“ Er gehorcht zwar, stellt sich aber vor mich, legt mir den Kopf in den Schoß:

Einweisungslehrgang

Am U-Bahnsteig möchte ich einen Sitzplatz.

„Banka! Er zieht los, stoppt, einen Augenblick später zeigt er mir eine leere Bank. Zufrieden die Schnauze am Sitz, Schubs an meine Hand. Meine      Interpretation:

„Sag ich doch, Platz für Dich!“ Ma klar, das verdient ein Lob und ein Leckerli.
Rosa kommt zu uns. Ihre Unzufriedenheit klingt durch ihren Kommentar:

„Möcht wissen, wozu wir so intensiv gelernt haben, „leere Sitzplätze zu finden?“

„Hat doch toll geklappt!“, entgegne ich erstaunt.

„Das ist ja peinlich!“, und dann bekomme ich von ihr die Situation erklärt.

Othello versucht gar nicht, irgendwo einen leeren Platz zu finden. Er baut sich einfach vor einem da sitzenden Mann auf starrt ihn an und… Der Mensch, nimmt die Farbe eines Käseleibchens an, erhebt sich, nimmt seine Begleiterin am Arm und flüchtet.

Er beweist immer was er so drauf hat.

Hindernissen ausweichen, Ziele anzeigen, Gegenstände vom Boden aufnehmen und mir in die Hand geben, alles im Eiltempo. Aber dieses Tempo werde ich reduzieren müssen. Jetzt stehen sich zwei Dickschädel gegenüber. Er ist begeistert davon, mir Türen, Treppen, Bordsteinenden, Ampeln, Lifte und Haltestellen zu zeigen und allen Hindernissen zuverlässig auszuweichen. Aber, wie gesagt, in einer Geschwindigkeit, die ich so nicht akzeptieren möchte.

Na dann… Treppenanzeigen: Im Schweinstrab zur ersten stufe, zuverlässig aber abrupt stoppt er. Nicht akzeptabel. Ich nehme mir immer die Zeit, wenn ich Ihm meine Art der Vorgehensweise erklären will. Treppen anzeigen im gewünschten Tempo:

Übungsgebiet, Busbahnhof Am Ostbahnhof. An jedem Ende eine Treppe zum Ladengeschoss darunter. Treppe nach unten anzeigen. So oft, bis es im gewünschten Tempo klappt. Erst dann gibt’s ein Leckerlie.

Er hat ziemlich viel Ausdauer und die muss ich auch beweisen.

„Den Heimweg vom Bus zur Wohnung? Den kennen wir schon. Hurra, auf geht’s im Schweinstrab!“ Ich bin wieder die Spaßbremse… Dasselbe Spiel vom Bus Zur Wohnung. Alles im Sprint. Na dann, zwei Schritte vor, Stopp, einer zurück. Für den Weg, von 5 Minuten, brauchen wir zwanzig Minuten. Egal. Es muss sein. Er Möchte unbedingt wissen, wie weit er gehen kann, was ich zu akzeptieren bereit bin.

Von Daheim zur Bus-Station.

Ein Weg von 6 Minuten. Othello hat andere Pläne. Wir kriechen im Schneckentempo- dahin. Mein Goldstück will in eine andere Richtung. Der Bach, findet er, ist ein lohnenderes Ziel. Wir benötigen für diesen weg 15 Minuten, Wir wiederholen den weg, bis er im akzeptablen tempo klappt. Solche Machtspielchen gibt es einige.

Wir machen lange Spaziergänge durch den Perlacher- und Truderinger Forst, durch den Ostpark und den Englischen Garten zum

Auspowern. Er ist kaum müde zu kriegen. Steht nach dem Heimkommen immer noch vor mir und fragt:

„Und, was machen wir jetzt?“

Na Kopfarbeit, was sonst?…

Wir üben langsam gehen, Ziele im gemessenem Tempo anzeigen. Meine Ausdauer ist gefragt. Aber er lernt dann, was er lernen muss.

Er ist einfach ein Clown.

Bei unseren Morgenspaziergängen sammelt er allerlei Dinge auf, die irgendjemand verloren oder liegengelassen hat. Mal ist es ein Gummistiefel, dann wieder ein kleiner Rechen, eine Kindermütze und so weiter. Die Teile bringt er mir begeistert, erwartet ein Lob.  Ich muss dann sehen, dass ich sie irgendwo an einen Baum oder einem Zaunpfahl hängen kann, wo sie gefunden werden können. Erst als er keine Belohnung für seine Funde mehr bekommt, lässt seine Sammelleidenschaft nach und hört bald ganz auf.

Inzwischen ist es Winter geworden. Schnee finden alle Hunde großartig. Sich rein werfen, losrasen sodass weiße Wolken aufwirbeln, Durch die Büsche krachen dass sie ihre Schneepolster abwerfen, einfach riesig. Plötzlich, ich hab sie nicht rechtzeitig gehört, eine Gruppe Krippenkinder… Die Betreuerinnen geschockt.

„Othello, wienequa!!!“  Mir bleibt fast das Herz stehen. hoffentlich wirft er keins von den Kleinen um. Da steht er schon vor mir, verlangt sein Leckerli. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Und jetzt kommen zwei der winzigen Leutchen auch noch zu uns.

„Eiei machen!“ Ein Patschhändchen an Othellos Hals und dann noch eins. Othello bewegt sich nicht. Eine der Erzieherinnen will die Kleinkinder wegrufen, versucht sie wegzuziehen. Keine Chance. Alle möchten dem Riesenteddy Eiei machen. Und Othello? Er steht da, wie ein Denkmal, rührt kein Bein, lässt sich von allen Seiten Streicheln, knuffen, überall anfassen. Erleichterung meinerseits, Staunen bei den Erzieherinnen, Selbstverständlichkeit für Kinder und Hund.

Es schneit weiter. in meinem Gärtchen liegt eine Knietiefe Decke und es schneit immer noch. Othello will raus.

„Ja, gleich. Nur noch eine Tasse Kaffee und eine Zigarette dann gehen wir!“ Den Kaffee auf das Schränkchen neben der Terrassentür gestellt, da schlüpft er schon an mir vorbei und raus in den garten. So war das nicht gedacht. Wenn er wieder rein kommt, bringt er ganze Schneewolken mit ins Wohnzimmer. Mein Rufen, mein Pfeifen? Erfolglose Bemühungen. Er tobt durch den Garten,, der Schnee wirbelt herum und er denkt gar nicht dran, zu mir zu kommen. Entrüstet stelle ich die Kaffeetasse weg. Na warte, Dich hol ich mir. Mein Garten ist klein, da werde ich Dich doch erwischen…

Zwei große Schritte in Richtung Garten und dann stehe ich bis über die Knie im Schnee, versuche noch einen Schritt, falle auf den Bauch…. Ich hab ganz vergessen, dass ich nur Filzpantoffeln an den Füßen habe. Nirgendwo eine Möglichkeit mich festzuhalten, kann ich mich so nicht erheben. Hilflose Versuche aufzustehen. Und Othello? Er ist begeistert von meiner Aktion, wirbelt in Kreisen um mich herum, schubst mich ein paar Mal an, wirft sich in den Schnee.

„Na endlich! Endlich spielst Du mit! Endlich weißt Du wie schön das hier ist!“ Ich kann es ihm nicht einmal übelnehmen. Aber ich möchte doch lieber auf die Terrasse zurück. Es gelingt mir nicht auf die Beine zu kommen und so bleibt mir nichts anderes übrig, als auf die Terrasse zurück zu kriechen. auf den Steinfliesen kann ich mich endlich aufrichten. Patsch nass, vom Hals abwärts mit nur einem Pantoffel, der andere ist im Schnee zurückgeblieben,  hinke ich zu meinem Stuhl, greife nach meiner Kaffeetasse, greife daneben und schütte mir das Getränk über die Hose. Und plötzlich steht mein Lausbub neben mir, hält mir meinen liegengebliebenen Pantoffel entgegen. Da kann ich nicht anders, es schüttelt mich vor lachen bei dem Gedanken, die Szene hätte ein Nachbar mit dem Handy gefilmt.

Ein Zaun? Kein Hindernis.

Othello ist verschwunden. Rufen, Pfeifen, erfolglos. Wo kann er denn nur sein? Die Türen jedes Raums geöffnet. Nein, ich habe ihn nirgends versehendlich eingeschlossen. Die Terrassentür ist offen… Buttelt er womöglich wieder mal ein Loch hinter der Magnolie ins Beet? Er ist aber nirgendwo zu entdecken… Rufen, Pfeifen, auch hier keine Reaktion. Er muss über den Zaun und durch die Hecke gesprungen sein. Diese wächst weit darüber hinaus. So hoch kann kein Hund ohne mindestens zehn Meter Anlauf springen. Das muss ich später klären…Jetzt nichts wie raus vors Haus. Pfeifen. Irgendwo muss er doch sein. Und da kommt er auch schon angehechelt, eine Nachbarin in Schlepptau. Sie schüttelt sich vor lachen, berichtet:

„Plötzlich steht er in meinem Wohnzimmer und sieht sich um, beschnuppert die Möbel und geht, als wäre das so ganz in Ordnung, weiter in die Küche. Er muss ausgebüchst sein, nahm ich an – und ihn am Halsband. Na und da sind wir!“

Mein Lausbub War auf Entdeckungsreise gegangen, hatte die Gärten der Nachbarn inspiziert und sich für einen Besuch bei ihr entschieden.

Mit einem Hopp rein in den Nachbarsgarten am Ende des Blocks. Na prima, die Terrassentür ist hier offen. Mal nachsehen, wer hier wohnt, wie es hier aussieht, was es vielleicht interessantes zu entdecken gibt… Frauchen pfeift? Muss ich das bis hierher Hören? Ich hab doch noch nicht alles gesehen…

Mein kleiner Garten ist ringsum eingezäunt. Für Othello keine grenze, eher eine sportliche Herausforderung. Ohne Anlauf setzt er über den Zaun und durch die daran hoch wachsende Hecke hinweg. Solche Ausflüge wiederholt er in unterschiedlichen Zeitabständen.

Das geht natürlich gar nicht. Er findet immer wieder Lücken in der Hecke, durch die er raus springen kann. Der Zaun muss erhöht werden.  Ich erzähle Rosa von Bubis Ausflügen und sie nimmt es in Angriff.  Jetzt ist der Zaun doppelt so hoch wie zuvor, was mein Goldstück kritisch betrachtet. Rosa stellt schmunzelnd fest:

„Er sieht so aus, als überlegte er, Wo ab jetzt sein privater Ausstieg wäre!“

Es geht ihm anscheinend nur darum, selbst entscheiden zu können, wohin er gerade möchte. Denn wenn wir unangeleint unterwegs sind, läuft er nie weg, kommt auf Zuruf oder Pfiff sofort zu mir.

Ein dringendes Bedürfnis

Schnaufen, Hecheln, fiepen. Auf die Uhr getippt. 02:37. Lautes fiepen. Das klingt dringend. In die Pantoffel schlüpfen, Morgenmantel überziehen Terrassentüre auf. Bubi an meiner Seite, fiept weiter, hechelt aufgeregt.

„Na geh doch raus!“, sage ich. Er aber düst zur Wohnungstür und fiept weiter. Er will nicht in den garten. Na gut, egal. Um diese Uhrzeit ist wohl kaum jemand unterwegs. Die Glocke ans Halsband, die Schlüssel eingesteckt. Halt, den Stock brauche ich auch noch. Jetzt nichts wie raus. Mein Hund flitzt wie ein geölter Blitz an mir vorbei. Er wird sich gleich hinters Tonnenhaus hocken, denke ich noch. Da höre ich die Glocke den Fußweg entlang und Durch den Treppendurchgang bimmeln. Ich hinterher zum Hauptweg. einige Meter Rechts neben mir Raschelt und klingelt es. Dort ist sein üblicher Stacca-Platz. Es dauert nicht lange, und Bubi ist wieder da. Nicht mal rufen muss ich ihn. Er schlägt sofort den Heimweg ein. Seinen garten mag er also nicht verunreinigen. Na und über den Zaun kann er nicht mehr.

Frühstück

Nach dem Gassigang, Othello ist zuerst dran. Zufrieden, mit vollem Bauch legt er sich hin. Mein Tablett mit Schinkenbrot und Radieschen nehme ich mit ins Wohnzimmer. Ich möchte so nebenbei die Nachrichten im Radio anhören. Das Telefon Klingelt, ich stelle das Tablett auf mein Couchtischchen und greife nach dem Hörer. Er liegt knapp 2 Meter neben dem Tischchen mit meinem Frühstück. Das Gespräch dauert keine 2 Minuten. Der Teller ist leer, die Radieschen unberührt.

„Othello!“ Der Korb knarzt.

„Ich bin ganz brav, ruhe mich hier aus!“ Ich kann es nicht glauben. Es war kein Geräusch wehrend des kurzen Telefonats zu hören gewesen. Ansonsten tappt mein Bubi wie ein kleiner Elefant durch die Wohnung.

Unsere Spazierwege sind meist schlecht bis gar nicht geräumt. Trotzdem braucht mein temperamentsbolzen seinen Freilauf. Also ist mein Blindenstock dran. Da kommt es schon mal vor, dass ich vom Weg abkomme und im Graben zwischen Weg und Feld lande. Mein Bub trabt heran, schnauft mich an, schlappt mir übers Gesicht.

„Was machst Du denn hier drunten?“

„Ferma!“, sage ich und hoffe, er versteht, fasse an sein Halsband. Nein, so geht es nicht. Beide Arme um seinen Hals und…

„Zieh!“ Er macht einen Schritt zurück, dann noch einen und… Ich bin wieder auf dem festen Weg.

Ein Tag nach dem Regen

Wir kennen ein paar Lieblingsstrecken. Mal überlegen….

Strahlender Sonnenschein heute. Gestern hat es geregnet. Der Weg am Steinbruch entlang wäre schon gut. Bei diesem Wetter aber ist es ein Radrennweg. Die Waldwege sind sicher voller großer und kleiner Pfützen. Ach was – egal, ich ziehe meine Gummistiefel an. Auch wenn ich mit dem Bus fahre? Ja, auch dann. Was denken die Leute, bei diesem Wetter mit Gummistiefeln im Bus unterwegs… Ich kann sie nicht daran hindern zu denken, was sie denken wollen…

Der Weg im Wald, wie erwartet. Eine Pfütze nach der anderen. Manchmal schlammige Stellen. Aber der größte Teil des Wegs ist geschafft. Othello stromert irgendwo im Unterholz. Der Boden fällt ein wenig ab, wird wieder nass, dann glatt und jetzt ist er nur noch eine Schlammbahn in eine Pfütze, so groß wie mindestens eine komfortable Badewanne und fast ebenso tief. Ich rutsche und rutsche, rudere mit den Armen und dann sitze ich patsch – bis zu den Schultern mitten in der Schlammwanne. Von alleine komme ich hier nicht wieder raus. Der Boden ist weich, gibt ständig nach.  Nirgends eine Möglichkeit sich abzustützen. Kein Ast oder Zweig in erreichbarer Nähe. Was bleibt mir übrig?

„Othello!“ Im selben Augenblick ist er da. Er scheint festen Boden unter den Füßen zu haben, streckt mir seine Schnauze entgegen, bläst mir ins Gesicht, als wollte er fragen:

„Was machst du da und was soll ich? Ich schlinge die Arme um seinen Hals und…:

„Zieh!“ Tatsächlich… erst langsam, dann mit einem Ruck… Fester Boden unter meinen Füßen, vor mir mein Hund, völlig sauber. Jetzt wiege ich mindestens 20 Kilo mehr. Alle meine vielen Taschen, Die Stiefel, die Jeans und auch der Slip sind prall gefüllt mit Schlamm. Auf dem Rücken habe ich einen dicken Panzer. Nur meine Brusttaschen mit Schlüssel, Taschentücher  und Iphone sind noch okay.  Ich kann hin und her überlegen, es bleibt mir keine andere Wahl: Wir müssen noch weiter zum Hauptweg und dann doch rüber zum Steinbruch und dort zurück zum Bus. Und da stelle ich fest: Der Weg, den ich wegen der Radler gemieden habe, ist kaum frequentiert. Die Sonne meint es gut. Nach und nach trocknet der Schlamm auf meiner Jeans, den Stiefeln der ärmellosen Jacke und dem T-Shirt und fällt in Teilen nach und nach ab. Nur innerhalb der Kleidung trage ich noch dicke, feuchte Kissen mit mir herum. Meine Hände und Arme sind schon schlammfrei, die Reste kann ich als Sand davon abklopfen.

Ein Ehepaar überholt mich. Die Frau Grüßt und kann sich die Bemerkung nicht verkneifen:

„Es gibt Leute, die zahlen für ein Moorbad einen Haufen Geld!“

Na fein, denke ich. Was wird das erst im Bus? Dort Stelle ich mich mit dem Rücken zur Wand, besser gesagt zum Fenster hin. Dann fällt meine Dreckschicht nicht all zu sehr auf. Jetzt nur noch auf schnellstem Weg Heim. Ein sauberer Hund und sein Frauchen? das hat sich im Schlamm gewälzt? Aufatmen. Niemand begegnet mir. Schlüssel raus, aufgesperrt und im Haus verschwunden.

Wenn ich mit all dem Schlamm in Stiefel, Taschen und Hosen in meine Wohnung gehe, ist meine Wohnung nur mit viel Mühe wieder sauber zu kriegen.

Kein Mensch im Hausgang oder Treppenhaus. Also Aufschließen, raus aus den Stiefeln, horchen… dann in Windeseile aus allen Kleidern geschlüpft, einfach auf dem Boden fallen lassen… Schnell eine Plastikwanne aus dem Bad gegriffen, kurz gehorcht und die Schlammpackungen in die Wanne. Alles im Evakostüm. Grad kann ich noch meinen Wohnungsschlüssel reinholen, da höre ich wie jemand die Haustür aufschließt.

Hätte teuer werden können

Olching, Bahnhofsplatz, wir warten auf Christoph. Er holt uns mit dem Auto zur Spielstunde ab. Ein richtiges Mistwetter, Kalt und nass. Und jetzt fällt auch noch mein Hörgerät aus. Mit klammen Fingern fummle ich die Ersatz-Batterie aus der Packung und das Gerät aus dem Ohr und, so ein Mist, das teure teil fällt mir aus der Hand, in den Kies. . Der Versuch es dort zu ertasten und auch zu finden, nicht wirklich erfolgversprechend.

„Othello cercare!“ Was mach ich nur, wenn er es nicht findet? Er bückt sich, nimmt etwas auf und lässt mir einen Euro in die Hand gleiten. „Bravo!“, lobe ich. Und dann noch einmal:

„Cercare, Othello cercare!“ Es muss schon flehendlich geklungen haben. Aber mein Bub bückt sich wieder, und jetzt, Hurra, ich hab mein Hörgerät in der Hand.

Beste Freunde

Wir sitzen im Auto. Es schwankt wie auf hoher See. . Christoph hat uns wieder wie so oft an der S-bahn abgeholt. Seine Fehli konnte es kaum erwarten, dass ihr Freund endlich einsteigt. Jedes Mal das Selbe. Stürmische Begrüßung. Wir haben gut zu tun, die beiden im Wagen unterzubringen.Die Begrüßungsorgie ist noch nicht abgeschlossen oder ist es bereits der erste Akt der Spielstunde? Die spiele der Beiden wirken rau. Trotzdem bleiben sie Freunde. Freunde hat mein Junge viele. Er kommt mit fast jedem zurecht, ist freundlich und nimmt kleinere Frechheiten nicht krumm. Es müssen wirklich richtige Unverschämtheiten sein, wenn er harsch reagiert. Dieser Wesenszug macht es mir einfach, ihm einige Freiheiten einzuräumen.

Er ist mittlerweile ein richtig zuverlässiger Führhund geworden. Ruhig, geduldig und Vorausschauend. Wir besuchen verschiedene kulturellle Veranstaltungen. Da ist mustergültiges Benehmen gefragt. Das beherrscht mein Charmeur perfekt und genießt die allgemeine bewunderung, schafft es auf der Homepage des freien Deutschen Autorenverbands zum Maskottchen.

Sogar auf unseren Waldspaziergängen achtet er auf mich. Stromert zwar herum, tankt sich durchs Unterholz dass es kracht. Manchmal verliere ich den Weg, taste mit dem Stock herum. Wo geht es hier weiter? Noch ehe ich Othello rufe, ist er da, stellt sich an meine linke seite:

„Na, Probleme? Komm, ich mach das schon!“ Schnell dind wir wieder auf dem festen, dem richtigen Weg und er geht seinen eigenen Interessen nach.

Inzwischen muss ich meinen Buben auf einfachen Wegen nicht mal einschirren. Die Hand auf seinen Rücken gelegt, hält er mich in der spur, weicht Hindernissen aus und umgeht Pfützen.

Das machen wir natürlich nur im Fußgängerbereich und im Park.

Wenn es allerdings in den Straßenverkehr und zu öffentlichen Verkehrsmitteln geht, ist immer das Geschirr angesagt, genau so wie im Einkaufszentrum. . Wir müssen kein risiko- eingehen.

Dezember 2017

Tierarztbesuch. Othello verweigert sein Futter. Wäre noch kein Grund zur Aufregung. Hätte er das  nicht auch schon vor zwei tagen getan. Er wirkt müde, schläft ungewöhlich viel. Er ist aber kein Jammerer, und ich möchte wissen, ob ich mir Sorgen machen muss. Ich mach mir sorgen. Rufe den Tierarzt an und lasse uns einen schnellen Termin geben. Bubi steht krumm da, das ist untypisch für ihn. Röntgen, Ultraschall, Blutabnahme. Niederschmetternd… Ein riesiger Milztumor, sollte möglichs bald operiert werden…

„Ich würde es gleich Morgen machen. Ist ein Notfall. Wenn sie aber noch eine zweite Meinung einholen möchten?“ Frau dr. tritt zurück. Ich rufe die Tierklinik an.

„Sie könnten morgen um 17:30 einen Untersuchungstermin bekommen, dann müssen wir weitersehen. Melden sie sich, wenn sie ihn annehmen wollen!“ Die Angst es könnte dann vielleicht zu spät sein, türmt sich in mir auf und ich nehme den sofortigen Op-Termin bei Frau Dr. an. Sofort heißt am nächsten Tag 11:00. Freunde fahren uns hin und ich darf bei ihnen auf das Ergebnis warten. Rufe sofort Rosa an.

„Okay, ich spreche mit der Fet!“ Rosa ist ein Schatz. Dann der Anruf der tierärztin:

„Den Tumor habe ich entfernt. Es war wirklich höchste Zeit. Da gibt es aber noch kleine Knoten auf der Leber. Die hab ich nicht angerührt. Könnten vielleicht Necrosen sein, die man danach medikamentös behandeln kann. Die nächsten Tage soll er bei mir bleiben, er muss beobachtet werden. Ist das Okay?“

Es geht Othello nicht gut. Rosa kümmert sich um ihn, holt ihn beim Tierarzt ab und nimmt ihn zu sich…

Ich wills kurz machen. Es ist einfach zu schmerzhaft darüber zu reden. Einige Menschen haben mir beigestanden. Vor allem Rosa, Livia und Baulo. Dafür möchte ich mich noch einmal bedanken. Weihnachten ist vorüber. Es geht meinem Buben besser. Dann kommt das neue Jahr. Aber dann am 03.01.2018 hat Othello doch seinen Weg in eine andere, vielleicht bessere Welt angetreten…

© Renate Gölz

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