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19/03/2017 / Clemens Rüttenauer

Diktatorische Technik

Diktaturen gab es in jeder Epoche. Auch in der unseren gibt es genug davon. Nicht einmal die westliche Wertegemeinschaft, die sich als Folge der letzten Weltkatastrophe zusammengefunden hatte, ist gefeit gegen diktatorische Tendenzen. Doch diktatorische Technik? Gibt es das? 

Die alten Griechen haben sich gründlich Gedanken gemacht über die Staatsformen. Der Begriff „Demokratie“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Herrschaft des Volkes“. Aristoteles erkannte jedoch die Schwächen der Demokratie. Er kam zu dem Schluss, das Beste wäre ein Diktator – ein weiser Diktator. Seitdem erklärt sich jeder Diktator als weise – und ist raus, aus dem Schneider.

Doch nun zur diktatorischen Technik. Der Begriff taucht schon bei Walter Benjamin auf. Er versteht darunter Technik, die nicht der gesamten Gesellschaft, sondern nur einer Elite zu Gute kommt. In den Sozialwissenschaften hat sich seit Lewis Mumford der Begriff autoritäre Technik etabliert. Die autoritäre (diktatorische) Technik hat Auswirkungen auf die Gesellschaft: Sie festigt Herrschaft, zwingt zu Gefolgschaft / Gehorsam und ermöglicht Kontrolle. Im Gegensatz zu Mumford sieht Norbert Elias dahinter weniger einen politischen Machtwillen, sondern eine Reaktion auf sich ändernde Verhältnisse. Elias spricht von Selbstzwangsapparatur.
(vgl. Christina Schachtner, Die Technik und das Soziale, S. 10,11)

Mumford prognostizierte, dass, in dem Maße, in dem Maschinen immer menschenähnlicher würden, der Mensch selbst immer maschinenähnlicher werde. Dazu passt, dass Google – Jahrzehnte später – sein Smartphone-Betriebssystem „Android“ taufte. Android ist auch wiederum griechisch und bedeutet „der Menschenähnliche“.

Android ist das richtige Stichwort. Wir wollen nun einen Blick auf ausgewählte, beispielhafte Betriebssysteme werfen.

Linux

Das Linux Betriebssystem ist Open-Source-Software. Das heißt, der Quellcode ist frei verfügbar. Eine riesige Entwickler-Community kümmert sich um Verbesserungen und Weiterentwicklungen.

Für Desktop Computer gibt es unzählige sogenannte Linux Distributionen, Pakete, die in der Regel schon alle Basisanwendungen enthalten. In der Vorgabe dieser Basisanwendungen könnte man ein gewisses Diktat sehen, aber die erste Freiheit besteht ja schon in der Auswahl der Distribution.

Weitere Freiheiten erschließen sich vor allem denjenigen, die sich mit der Eingabe an der Linux Kommandozeile vertraut machen. Die größeren Freiheiten verlangen eine größere Eigenverantwortung.

Linux ist das demokratischste unter den Desktop Betriebssystemen, spielt zahlenmäßig aber nur eine untergeordnete Rolle.

Apple – Mac (OSX), iPhone (IOS)

Die Geschichte der Apple Produkte ist untrennbar mit dem Leben, dem Wirken und – ja – auch mit dem Charakter von Steve Jobs verbunden. Steve Jobs starb 2011, doch sein Geniestreich „iPhone“ ist heute noch Apples erfolgreichstes Produkt.

Steve Jobs werden viele Eigenschaften nachgesagt – keineswegs nur gute. Dass er demokratisch gewesen wäre, hat noch niemand behauptet. Er ging – vorsichtig formuliert – mit einem großen Durchsetzungswillen und wenig Rücksicht ans Werk. Auch seinen Kunden hat er Einiges zugemutet. Ein Dauerärgernis sind die spärlichen oder gar fehlenden Anschlussmöglichkeiten – geopfert dem schöneren Aussehen. Diese Linie hat Apple konsequent weiterverfolgt. Hier ein kleines Beispiel:

Macbooks kommen schon seit längerem ohne optisches Laufwerk. Audio CDs sind zwar nicht mehr „in“, aber trotzdem möchte man gelegentlich eine CD, DVD oder Blu-ray einlegen. Wer nun glaubt, er könnte an dem – hoffentlich noch vorhandenen – USB-Anschluss ein stinknormales, preiswertes externes DVD Laufwerk anschließen, hat Apple nicht verstanden. Es kann zwar zufällig klappen, muss aber nicht. Eine Sicherheit hat der Kunde nur, wenn er das entsprechende Zusatzgerät von Apple wählt. Kommt der Kunde aber etwa auf die schlaue Idee, das teure Apple Laufwerk nicht direkt am Macbook, sondern wegen der spärlichen Anschlüsse an einem USB-Verteiler (Hub) anzuschließen, hat er Pech gehabt. Das externe Laufwerk funktioniert nur, wenn es direkt am Gerät angeschlossen wird. Man muss es so machen, wie Apple es sich ausgedacht hat. Das ist Apple. Diese Technik erwartet Gefolgschaft und Gehorsam.

Warum nehmen Apple Kunden das hin? Die treue Gefolgschaft der Apple Kunden ist sprichwörtlich. Dafür gibt es viele Gründe. Apple bietet ausschließlich Komplettsysteme an. Hard-und Software sind aus einer Hand und optimal aufeinander abgestimmt. Die Geräte haben ein exklusives Design; sie sprechen die Sinne an. Der harte Kern der Apple Anhänger („Apple-Jünger“) liebte und verehrte Steve Jobs. Und dann waren da Steve Jobs große, weise (sic!) Entscheidungen.

Als sich die Konkurrenz noch mit der Abwehr von Filesharing und illegalem Kopieren beschäftigte, preschte Apple vor und bot Songs zum legalen Kauf und Download an.

Handys, Mp3Player und mobiles Internet gab es vorher schon, aber Steve Jobs fasste die Funktionen in einem einzigen Gerät zusammen und präsentierte es der staunenden Anhängerschaft. Der weise Diktator weiß, was sein Volk braucht, noch bevor das Volk selbst weiß, was es will.

An diesem Beispiel lernen wir eine weitere Eigenschaft diktatorischer Technik kennen. Diktatorische Technik setzt den Standard. Während die Spezifikationen der Tonband Kompakt Kassette, deren Geschichte untrennbar mit Sony`s Walkman verbunden ist, noch von einem Konsortium der betroffenen Firmen festgelegt wurden, bestimmte das iPhone allein, was ein Smartphone können muss. Die Anderen können nur entweder hinterher hecheln (Android) oder die Segel streichen (Windows Phone).

Ein weiterer weiser Beschluss war es, externe, selbstständige App-Entwickler einzuladen. Damit holte sich Apple neue Kreativität ins Haus.

Sind am iPhone selbst auch diktatorische Tendenzen zu beobachten? Ja, zum Beispiel, dass es keinen Dateimanager gibt, dass man keine SD-Kate verwenden kann, dass Windows Nutzer für den Datenaustusch mit dem PC Apple`s Programmungetüm iTunes verwenden müssen. Das Flat Design gehört ebenso in diese Reihe.

Wie geht es weiter mit den Apple Produkten? Steve Jobs ist inzwischen Geschichte. Wo sind die nächsten „weisen“ Entscheidungen?

Microsoft Windows

Der typische Windows Nutzer alter Schule ist weit weniger „gehorsam“ als der treue Apple Kunde. Unter Freaks galt und gilt es regelrecht als Sport, es gerade nicht so zu machen, wie Windows – sprich Bill Gates bzw. Nachfolger – es sich ausgedacht hatte. Beispielsweise wurde statt des Dateimanagers der Totalcommander, statt des Internet Explorers Netscape, Firefox oder Opera und statt des Mediaplayers der Winamp oder VLC Player verwendet. Die Liste ließe sich beliebig verlängern.

Microsoft liefert mit Windows das Betriebssystem, Die PC`s kommen von anderen Herstellern. Lange Zeit – teils auch heute noch – waren es schmucklose, rechteckige, graue Kästen. Den Freaks war es recht. Ihnen war die Möglichkeit, daran herumzuschrauben, wichtiger als ein stylisches Aussehen.

Die Freiheiten waren groß, die Auswahlmöglichkeiten an Hard- und Software riesig.

Auch Microsoft hat einen Standard gesetzt – mit den Office Anwendungen.

Windows XP – Erfolg und Niederlage gleichzeitig. Die Vorgängerversionen Windows 95 und 98 mussten viel Kritik über sich ergehen lassen. XP fanden Alle gut – ein großer Erfolg. Doch für Microsoft gleichzeitig eine Niederlage, denn Niemand wollte auf die Nachfolgeversion Vista umsteigen. Sogar nach der Einführung von Windows 7 blieben viele – zu viele – bei XP. Deshalb hat sich Microsoft – nach meiner Vermutung – geschworen „so etwas darf uns nie wieder passieren“ und hat das Steuer herumgeworfen.

Ab Windows 10 ist alles anders. Künftige Systemwechsel kommen als Update, die Bezeichnung Windows 10 bleibt. Ein solches Update erinnert an die Vorgehensweise von Apple, doch selbst dort kann man noch selbst entscheiden, ob man das Update auf die nächste Versionsstufe mitmacht oder nicht. Die Windows 10 Uppdates erfolgen dagegen automatisch und zwangsläufig – ohne Ausweichmöglichkeit. Freiheit ade. Der Diktator zeigt Stärke. Zeigt er auch Weisheit?

Windows 10 gilt als das Sicherste aller bisherigen Windows-Systeme. Wenn Microsoft dieser Linie treu bleibt, mag es sogar richtig sein, auf gewisse Freiheiten zu verzichten.

Update (01): Der Cyber Großangriff WannaCry vom Mai 2017 mit hundert-tausenden betroffenen Computern bestätigt diese Einschätzung. Betroffen waren nur ältere Windows Versionen, nicht aber Windows 10. Andererseits zieht Microsoft mit Windows 10 S die Daumenschrauben weiter an. Chip.de: „Bei Windows 10 S handelt es sich um eine abgespeckte Variante von Windows 10, die ausschließlich mit Software aus dem Windows Store kompatibel ist.“ 

Die wahren Herrscher

Die wahren Herrscher über Alle, die sich im Internet bewegen, sind die Gebieter der Algorithmen. Ein Algorithmus ist eine Handlungsanweisung, um ein bestimmtes Problem zu lösen. Im einfachsten Fall eine einzige Wenn-Dann-Regel. Bei komplizierteren Problemstellungen bestehen Algorithmen aus einem vielfach verknüpften und verzweigten Netz von Bedingungen und Anweisungen – nur noch von Experten verstehbar. Sind die Algorithmen komplex genug, werden sie auch der künstlichen Intelligenz (KI) zugeordnet.

Algorithmen ans sich sind weder gut noch böse. Böse ist, wenn sie entwickelt und eingesetzt werden, um uns auszuspionieren, um Persönlichkeitsprofiele zu erstellen und um unser Verhalten zu manipulieren. Die großen Player auf der digitalen Weltbühne wie Google, Microsoft, Apple, Facebook und Co. haben ihre Experten für die Erstellung von Algorithmen. Ihr Wirken bleibt im Geheimen.

Ulrich Kühn, stellvertretender Datenschutzbeauftragter in Hamburg, beschreibt in seinem Artikel „Nutzerdaten: Das 70-Milliarden-Dollar-Fallobst“, wie dramatisch die Situation inzwischen ist.

Es ist die dunkle Seite des Internets. Mit den mobilen Geräten (iPhone und Co.) haben die Gefahren noch zugenommen, eine neue Dimension erreicht. Das liegt am Immer-Dabeihaben, am Immer-Online-Sein und an den vielfältigen Sensoren, die in diesen Geräten stecken. Wir sind zwar keineswegs  gezwungen, unsere mobilen internetfähigen Geräte immer und überall dabei zu haben. Aber wir haben diese persönlichen Spionage-Assistenten immer dabei. Immer auf Sendung! „Selbstzwangsapparatur“?

Können wir uns gegen den „digitalen Kontrollverlust“ wehren? Dieser Frage geht Michael Seemann in seinem Buch „Das neue Spiel“ auf den Grund.

Update (02): „Bevormundung durch Technik – Die Maschine will doch nur Ihr Bestes“ betitelt Sascha Lobo seine Technik Kolumne vom 7. Juni 2017. Er sieht, wie Technik – vor allem durch Entwicklungen der künstlichen Intelligenz – unser Leben immer mehr durchdringt und uns Entscheidungen abnimmt bzw. vorschreibt. Sascha Lobo spricht von „maschineller Bevormundung“. Er kommt zu dem Schluss, dass wir uns dieser Bevormundung überwiegend freiwillig unterwerfen werden. Da ist sie wieder, die „Selbstzwangsapparatur“.

 

Geist versus Maschine

Die Technik, um die es bisher ging, wird gezielt und mit konkreten Absichten entwickelt und eingesetzt. Es gibt aber noch eine subtilere Art der Bedrohung, die aus dem Wesen der Computer-Maschine selbst erwächst.

Die erste industrielle Revolution brachte u.a. das Fließband. Unvergessen sind die Filmszenen in „Moderne Zeiten“, mit denen Charlie Chaplin die zerstörerische Wirkung des Fließbands auf den Menschen augenfällig machte. Das Fließband war analoge Technik. Digitale Technik entzieht sich der direkten Betrachtung. Um zu erkennen, welche Auswirkungen der Computer auf Diejenigen hat, die am engsten mit ihm zusammenarbeiten, brauchte es einen fachkundigen Blick hinter die Kulissen. Christina Schachtner hat Softwareentwickler, Programmierer und KI-Experten interviewt und aufgedeckt, welche Risiken deren Arbeit für Geist, Persönlichkeit und soziales Verhalten mit sich bringt. Die Ergebnisse erläutert Schachtner in ihrem Buch Geistmaschine (1993). Autopoiese ist der Schlüsselbegriff in Schachtners Analyse.

Salopp gesagt: Dem menschlichen Geist, phantasiebegabt, kreativ und assoziativ denkend, bekommt es nicht, mit einer Maschine zu kommunizieren, die ausschließlich einer erbarmungslosen, formalen Logik folgt.

Der Mensch ist analog. Digital ist unmenschlich.

„Im Konfliktfall ist es der Mensch, der sich verändern muß, weil nur er es kann. So behält die Maschine das letzte Wort.“ (Chtistina Schachtner, Geistmaschine S. 236)

*

Quellen

Arthur Rosenberg: Aristoteles über Diktatur und Demokratie (1933)

Tobias Bevc: Walter Benjamin: Zur politisch-gesellschaftlichen Problematik visueller Medien (1999)

Christina Schachtner: Die Technik und das Soziale in: Technik und Subjektivität (1997)

Michael Seemann: Das Neue Spiel – Strategien für die Welt nach dem digitalen Kontrollverlust (2014)

Christina Schachtner: Geistmachine (1993)

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