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21/02/2016 / Clemens Rüttenauer

Der Bayerische Rundfunk errichtet Barrieren – und antwortet nicht

(Design versus Barrierefreiheit)

Der neue Webauftritt des Bayerischen Rundfunks wirkt schick. Doch blinde Besucher stoßen an unüberwindliche Barrieren. Das Nachhören, das dankenswerter Weise bei bestimmten Sendungen von BR 2 und BR Klassik angeboten wird, ist nur mit Maus zu starten. Blinde haben keine Maus –  sie können damit nichts anfangen. Blinden bleibt das Nachhören verwehrt.

Wie konnte das passieren? Sucht man auf der BR Homepage nach „Inklusion“, erhält man 268 Treffer. Bei „Barrierefreiheit“ sind es 255. Unbekannt ist das Thema also nicht. Ist es nur leeres Geschwafel? Als eigener Auftrag wird das Thema offensichtlich nicht wahrgenommen. Liegt es daran, dass immer der Designer das letzte Wort hat? Vorgemacht hat das Apple mit dem sogenannten flachen Design. Gilt als schick, verschlechtert die Lesbarkeit (siehe hier). Und alle Welt hechelt hinterher – alle wollen schick sein.

Ist das die neue Polarität? Design versus Barrierefreiheit?

Badura spricht mit Seehofer

Katrin Woitsch vom Münchener Merkur interviewt Irmgard Badura, die Behindertenbeauftragte der Bayerischen Staatsregierung. Es geht um ein Gespräch Baduras mit Horst Seehofer, dem Bayerischen Ministerpräsidenten, zum Stand der Barrierefreiheit in Bayern. „Die Staatsregierung ist zufrieden. Sie sieht sich auf einem guten Weg,…“ Badura sieht großen Nachholbedarf. Sie berichtet von der Bildung einer ministeriumsübergreifenden Arbeitsgruppe und davon, dass die Beratungsstelle um die Themen Internet und Kommunikation erweitert wurde. Hört, hört! Das klingt ja fast so, als wollte man es wagen, sozusagen „Neuland“ zu betreten! Ob diese Gruppe wohl das Hindernis im Bayerischen Rundfunk entdeckt? Sehende sehen es nicht, denn Sehen schützt vor Blindheit nicht.

Ein Schwerpunkt der Barrierenbefreiung waren bisher öffentliche Gebäude. Badura: „Bei jedem Neubau – ob Hochschule oder Museum – gibt es schon lange die Verpflichtung, die Barrierefreiheit mit einzuplanen. Doch an der Umsetzung hapert es noch.“ Leider nur allzu wahr! Wie konnte beispielsweise beim 2015 fertig gestellten NS Dokumentationszentrum – errichtet auf historisch belastetem Boden – Folgendes unbemerkt bleiben:

Steht man als Sehgeschädigter oben an einem Treppenabsatz, blickt man in einen tiefen, gleißend hellen Abgrund. Kein einziger Kontrast-streifen! Da haben wir es wieder, das bekannte Phänomen: Design hat Vorrang. Vorschriften hin, Gesetze her. Was kümmert’s den Designer. Design folgt eigenen Gesetzen.
Update Januar 2017:
Das Licht im Treppenhaus wirkt jetzt gedämpft und alle Treppenabsätze sind mit Kontrast-streifen versehen. Donnerwetter! Hat mein Poltern etwa geholfen?

Einfach nicht antworten

Der Bayerische Rundfunk errichtet nicht nur Barrieren, er verletzt auch einfachste Regeln des Anstands. Voller Elan und Optimismus hatte ich das Problem mit dem Nachhören geschildert – am 21.12.2015, in einen konventionellen, papierenen Brief. Keine Polemik, sondern in der sichern Erwartung, auf offene Ohren zu stoßen. Doch weit gefehlt! Bis heute – zwei Monate danach – nicht die geringste Reaktion! Keine Eingangsbestätigung, kein Zwischenbescheid, nicht einmal eine faule Ausrede – nein, rein gar nichts! So einfach ist das. Einfach nicht antworten. Einfacher geht’s wirklich nicht.

Eigentlich hätte ich gewarnt sein müssen. Auf mein Walchensee/Wallgau Abenteuer reagierten die offiziellen Stellen in Kochel und Wallgau auch nicht. Ist dieses „nicht Antworten“ ein weiteres Phänomen unserer Kommunikationsgesellschaft? Schick ist Antworten nur, wenn´s mit einem Smiley erledigt werden kann.

Die wahren Antworten müssen wir selber finden.

*

  1. Clemens Rüttenauer / Mrz 1 2016 1:42 pm

    Ergebnisprotokoll:

    Inzwischen kam es zu einem klärenden Telefongespräch mit dem Webentwickler des BR. Als Ergebnis/Information habe ich Folgendes festgehalten:

    1. Welchen Weg mein Brief vom Dezember in dem großen Haus des BR genommen hat und warum er unbeantwortet blieb, ist nicht mehr nachzuvollziehen.

    2. Den Anstoß zu dem Gespräch gab offensichtlich ein Beschwerdemanagement, das erst neu eingeführt wurde, und das ich mit einer nachträglichen Mail in Gang gesetzt hatte.

    3. Es wird laufend an Verbesserungen der Webseite gearbeitet.

    4. Die Bedienbarkeit der Player sei eine besondere Herausforderung.

    5. Die Zugänglichkeit der BR Webseiten wird nach einem zertifizierten Verfahren geprüft. Danach sei die Zugänglichkeit gut.

    Ich hatte mich zeitweise in Rage geredet und erwiderte auf Pinkt 5: Das kommt mir jetzt so vor, wie die Abgasprüfung bei VW. Entscheidend ist für mich, was hinten raus kommt, nicht, welche Prüfkriterien erfüllt werden.

    Zwei weitere Kritikpunkte habe ich vorgebracht:

    1. Der Farbwechsel, der erfolgt, wenn man mit der Maus über bestimmte Webelemente geht, bringt null Information und irritiert mich als Sehgeschädigten ganz erheblich.

    2. Die Teaser unter den Jazztime Sendeterminen enthalten keine echten Informationen – nur Bildchen.

    Zum letzten Punkt: ich kann auf dieser Webseite erkennen, dass auf den 1.3. der 2.3. und der 3.3. folgt usw. Na, toll! Will ich mehr über das Programm der laufenden Woche erfahren, sind Klicks über Klicks notwendig. Soll diese Seite Informationen liefern oder die Klickzahl erhöhen? Was ich an dieser Stelle erwarte: Eine Webseite, die auf einen Blick die Programmschwerpunkte von fünf Werktagen offenbart – meinetwegen auch ganz ohne Bildchen.

    Zum versöhnlichen Abschluss des Gesprächs wurde vereinbart, in Kontakt zu bleiben.

    CR

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