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31/03/2013 / Clemens Rüttenauer

Spezialbrillen für Netzhauterkrankungen

Was hat es mit diesen ominösen Kantenfiltergläsern auf sich? Was tun bei extremer Lichtempfindlichkeit? Vielleicht findet ihr hier eine Antwort. 

Inhalt

Netzhauterkrankungen
Informationen zu Kantenfiltern
Extreme Lichtempfindlichkeit
Warum ist es so schwierig, die richtigen Gläser zu finden?


Netzhauterkrankungen

Die Netzhaut (Retina), ist derjenige Teil des Auges, der die Photorezeptoren enthält, also für die Verarbeitung der einfallenden Lichtreize verantwortlich ist. Die Ursachen von Netzhauterkrankungen sind häufig in genetischen Veränderungen zu finden und/oder sind altersabhängig. Die Auswirkungen sind je nach Krankheitsart sehr unterschiedlich. Spezialbrillen können helfen.

Viele Netzhauterkrankungen sind verbunden mit

  • einer erhöhten Blendempfindlichkeit
  • einer eingeschränkten Adaption (Anpassung an die jeweilige Helligkeit)
  • einer Dysfunktion bei der Verarbeitung bestimmter Lichtwellenbereiche
  • einer Minderung des Kontrastsehens

Bei bestimmten Netzhautveränderungen können spezielle Filtergläser, sogenannte Kantenfiltergläser weiterhelfen. Der am häufigsten verwendete Kantenfilter ist der Blaublocker. Mit diesem Filter wird das kurzwellige, blaue Licht, das bei vielen Netzhauterkrankungen schädlich ist, herausgefiltert. Zusätzlich können die Gläser mit einer Brauntönung versehen werden. Ist die Adaption eingeschränkt, braucht man für die unterschiedlichen Helligkeitsstufen jeweils eine eigene Brille und/oder zusätzliche Vorhänger.


Informationen zu Kantenfiltern

Die umfassendste Informationsbroschüre zu Kantenfiltern ist in einer Zusammenarbeit der Wissenschaftlichen Vereinigung für Augenoptik und Optometrie e.V. (WVAO) und der Selbsthilfevereinigung PRO RETINA Deutschland e.V. entstanden. Die 3. Auflage ist im Juli 2012 erschienen und trägt den Titel „Kantenfilter und seitlicher Blendschutz“. Autoren sind Klaus Plum (WVAO) und Dr. Konrad Gerull (PRO RETINA). Zu beziehen ist die Broschüre bei:

www.wvao.org/ – und
www.pro-retina.de/

Eine kurze, aber informative Darstellung findet man bei Schweizer Optik mit dem Titel „Kantenfilter – Wie wirken, was bewirken sie “.

Die Spezialfiltergläser von Zeiss werden hier beschrieben.


Extreme Lichtempfindlichkeit

Ich selbst gehöre zu den Glücklichen, bei denen die Kantenfilter (Blaublocker) Wunder bewirken. Sie haben mir meine Mobilität wiedergegeben – draußen bei Tag und vor allem bei Sonne. Ohne diese Filter wäre ich „tagblind“. Wegen meiner fehlenden Hellihkeitsadaption brauche ich ein ganzes Arsenal von Brillen mit unterschiedlichen „Verdunkelungsstufen“. Das ist zwar unpraktisch, aber man lernt, damit umzugehen.
Zeiss Kantenfilter gibt es bist zu einer Tönung von 90 %. Schweitzer Optik geht noch ein paar Prozentpunkte höher, der Unterschied ist aber kaumm spürbar. Bei heller Sonne reichetn mir fiese Gläser nicht, ich musste einen zusätzliche Vorhänger verwenden. Nicht ganz ideal, weil damit zusätzliche Reflektionen entstanden. Mein Low Vision Optiker in München machte den Vorschlag, Kantenfilter einer kleinen Spezialfirma zu testen, die das maximal technisch mögliche an Verdunkelung realisieren würde. Nach einem erfolgreichen Test (noch ohne optische Korrektur) wurden die fertigen Gläser in meine bewährte Gletscherbrille Alpina Himalaya eingesetzt. Inzwischen haben sie auch den Härtetest – Schnee mit Sonne – bestanden.
Es gibt aber eine noch deutlich höhere Stufe von Lichtempfindlichkeit, die jede Vorstellung sprengt. Zufällig kenne ich drei Mitglieder von Pro Retina, die zu diesen besonders Lichtscheuen gehören. Aus Datenschutzgründen will ich sie Anton, Gabriel und Maria nennen.

Anton trägt beispielsweise in einer schwach beleuchteten Gaststube die dunklen Kantenfilter – Zeiss Clarlet F90. Wenn er drinnen schon so dunkle Gläser braucht, was macht er dann draußen – gar bei Sonne? Anton weiß sich zu helfen. Auf Grund seiner früheren beruflichen Tätigkeit kennt er sich aus mit Arbeitsschutzkleidung und Arbeitsschutzbrillen. Draußen verwendet er eine Schweißerbrille – der Klasse 8 oder 10 je nach Helligkeit. Was sind das für Gläser? Schweißer sind gefährlich hellen Lichtblitzen ausgesetzt. Als Schutz gibt es getönte Spezialgläser mit unterschiedlich starker, dunkler Tönung. Die Tönung ist eingeteilt in Klassen von 2 – 16. Zum Autogenschweißen sind die Schutzklassen 2 bis 8 ausreichend, für offenes Lichtbogenschweißen sind dagegen die Klassen 9 bis 16 vorgesehen. Gefühlt ist die Klasse 5 schon dunkler als eine dunkle Sonnenbrille. Klasse 11 wirkt schon fast wie eine totale Verdunkelung – es kommt kaum noch Licht durch. Aber Anton sagt, er kann damit was sehen – auch bei Sonne.

Sucht man im Internet nach Schweißerbrillen, findet man fast nur solche der Klasse 5 – teils im Look typischer Arbeitsschutzgeräte, teils in modischen Fassungen ähnlich wie Sportbrillen. Nur in Spezialgeschäften erhält man Gläser höherer Klassen. Beispielhaft sei diese Adresse genannt:
www.thyssenkrupp-schulte-schweisstechnik.de/Arbeitsschutz/Schutzbrillen:::16_21.html
Anton verwendet das Brillengestell, das auf dieser Seite als erstes abgebildet ist (2,50 Euro). Die Gläser gibt’s im Zehnerpack für 3,50 Euro. Sie sind aus eingefärbtem Glas, kreisrund und völlig plan. Die Fassung hat eine große Rändelschraube zum Öffnen, so dass man die Gläser leicht austauschen kann. Ihr seht, ein Preisproblem ist diese Lösung nicht, aber sehr wohl ein kosmetisches. Um sich mit so einer Brille auf die Straße zu trauen, braucht es schon den entsprechenden Leidensdruck und eine gewisse Wurstigkeit gegenüber Äußerlichkeiten ist auch von Nöten. Aber was tun, wenn sonst nichts hilft?

Gabriel verwendet auch Schweißer Gläser, aber er hat eine wesentlich elegantere Lösung gefunden. Bei ihm übernehmen die Schweißergläser eine Zusatzfunktion. Das Grundmodell ist eine Sportbrille – Baunty 11533 – mit gutem Seitenschutz und getönten, phototrophen, außen verspiegelten Gläsern. Je nach Sonneneinstrahlung absorbieren diese Gläser 50 bis 90 % des einfallenden Lichts. Um die Helligkeit noch weiter zu reduzieren, wurden an der Innenseite der Fassung zusätzlich Schweißergläser der Klasse 5 montiert. Diese Gläser stammten aus einer handelsüblichen Schweißerbrille in modischem Design ähnlich dieser bei Amazon. Die Gläser wurden entsprechend zugeschnitten und mit winzigen Schräubchen innen am Rahmen befestigt. Optisch gut gelungen und sehr funktionell! Die besondere Schwierigkeit hierbei war, Zusatzgläser zu finden, die annähernd dieselbe Wölbung wie das Grundmodell hatten und sich am Rahmen befestigen ließen.

Maria wagte sich nicht mehr nach draußen; sie flüchtete in den Keller. Selbst bei Nacht bleibt sie nicht „unbehelligt“. Sie erzählt:

„Blendempfindlichkeit bei Sonne, das kennt bestimmt jeder – am besten noch im Herbst oder im Frühling, wenn die Sonne in den Abendstunden sehr tief steht. Das kannte ich auch mal! Aber, dass ich unterdessen meine eigenen Wohnräume nicht mehr betreten kann bei Sonne – oder ich bei heruntergezogenen Rollladen mit Sonnenbrille und Kappe am Herd stehe und bin am Kochen, das hätte ich mir im Traum nicht vorstellen können. Was unterdessen alles blenden kann, hätte ich niemals für möglich gehalten. Eine nasse Straße – eine Häuserfront – Straßenschilder – sogar Baumreihen – die von der Sonne angestrahlt werden tun mir schon weh in den Augen. Und das Ganze, trotz meiner Kantenfilterbrillen – mit Polarisationsfilter, die ich immer trage! Wenn ich im Dunkeln das Haus verlasse ist es am schlimmsten. Dann trage ich eine 90% getönte Kantenfilterbrille. Und wenn plötzlich nur Rücklichter von einem Auto auftauchen, eine rote Ampel, geschweige Frontscheinwerfer und eine grüne Ampel, könnte ich flüchten. Mit der dunklen Kantenfilterbrille ist es zumindest einigermaßen erträglich – tut aber immer noch weh in den Augen.“

Maria hat die Schweißerbrille auch aufgesetzt. Die Gläser der Klassen 9 und 11 zeigten auch bei ihr durchaus ihre Wirkung. Aber glücklich war sie nicht. Durch die seitlichen Belüftungsschlitze kam zu viel Licht rein und das verursachte irritierende Reflektionen und Blendungen. Und natürlich, die Fassung war unmöglich! Mit ein wenig Bastelei ließe sich der seitliche Lichteinfall sicher beheben. Aber damit unter Menschen gehen – nein! Doch Aufgeben gilt nicht! Ein findiger Optiker wusste Rat. Sicher kein Zufall, dass es derselbe ist, der uns schon als Koautor der Kantenfilterbroschüre begegnet ist. Er probierte andere, seltener verwendete Filter. Der große Durchbruch gelang mit der Kombination zweier ganz unterschiedlicher Filter. Er kombinierte einen dunklen Blaublocker mit einem Filter, der speziell für die seltene Blauzapfenmonochromasie (BZMC) entwickelt wurde.
Die beiden Filter ergänzen sich. Der Blaublocker blockt das blaue Licht, der BZMC-Filter blockt grün und gelb. Allerdings bleibt da nicht mehr viel übrig vom Farbspektrum – nur noch orange und rot. Der Normalsehende reagiert hier ähnlich wie bei Antons Lösung: „da kann man doch gar nicht mehr durchsehen“. Aber Maria sieht damit – und das war das Ziel. Die beiden Gläser finden Platz in der attraktiven Adidas Sportbrille „Terrex“ – außen der dunkle Blaublocker, im Innenclip der BZMC-Filter. Perfekt! Und Maria ist wieder glücklich. „Ich bin sowas von glücklich mit meinem Wunderwerk!!! Konnte mir nicht vorstellen mal eine Brille „lieben“ zu können.“


Warum ist es so schwierig, die richtigen Gläser zu finden?

Als Laie stellt man es sich wohl so vor: Man bekommt eine Diagnose und damit gleich die Verordnung für die passenden Spezialgläser. In der Praxis ist es schwieriger. Die erste Schwierigkeit ist die richtige Diagnose – trotz aller Fortschritte auf diesem Gebiet. Es gibt Mischformen, Unterformen und individuelle Verläufe. Bei bestimmten Erkrankungen helfen Kantenfilter, und bei anderen eher nicht. Danach richtet sich auch, ob die Kassen mitmachen oder nicht. Trotzdem kann man nur durch Probieren herausfinden, welche Gläser die individuell richtigen sind. Mitglieder von PRO RETINA haben es gut. Sie können sich einen Musterkoffer mit den unterschiedlichsten Filtergläsern ausleihen und in aller Ruhe und unter Originalbedingungen testen, welche Gläser am geeignetsten sind. Und notfalls muss man auch nach unkonventionellen Lösungen suchen – siehe Anton, Gabriel und Maria.

Wichtig: Bei dunklen Kantenfiltergläsern muss die Brillenfassung möglichst geschlossen sein, eng anliegen und einen seitlichen Schutz besitzen. In der eingangs erwähnten Kantenfilterbroschüre sind geeignete Fassungen beschrieben.
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